Der deutsche Lebensabend für Menschen mit Migrationshintergrund

Der deutsche Lebensabend für Menschen mit Migrationshintergrund

20. Mai 2019

Die Anzahl der pflegebedürftigen Gastarbeiter aus den 1960er Jahren wächst. Kultursensible Pflege unterstützt sie.

Viele Menschen kamen vor Jahrzehnten aus Südeuropa und der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland. Einige von ihnen sind wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt, doch die meisten sind geblieben und sind nun in einem Alter, wo sie zunehmend auf fremde Hilfe und Pflege angewiesen sind.

Aber wie gestalten Rentner ihre freie Zeit und wie sieht die Pflegeunterstützung für Menschen mit Migrationshintergrund aus? Angebote speziell für ältere Migranten sind selbst in multikulturellen Städten wie Berlin schwer zu finden.

Eine Ausnahme ist „Huzur“, als Freizeiteinrichtung für Senioren, die ursprünglich hauptsächlich türkische Senioren aufnahm. Daneben bieten ein paar Pflegekassen kultursensible Pflegeberatung an.

Multinationale Freizeiteinrichtung

Bei „Huzur“ finden Senioren neuen Halt, die keine Großfamilien haben, welche sich um sie kümmern. Ältere Damen mit verschiedenen Migrationshintergründen genießen es, einmal in der Woche zusammen zu kochen. Obwohl es unscheinbar klingt, so ist es für viele eine neu erlangte Freiheit. Viele Frauen bei „Huzur“ sind verwitwet. Erst nach dem Tod ihrer Männer konnten sie ihr Leben selbst bestimmen. Ein Emanzipationsschub ist vor allem bei türkischen und kurdischen Frauen zu erkennen. Im Alltag muss die Frau nicht mehr den Mann für die meisten Sachen um Erlaubnis bitten und folglich werden die neuen Freiheiten genossen. Für manche geht es sogar soweit, dass sie sich über den Tod des Mannes freuen, weil sie sich nie getraut haben, die Ehe frühzeitig zu beenden.

 

Die Anzahl von alten Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland nimmt zu

Mittlerweile ist „Huzur“ multinational. Die Verständigung zwischen älteren Menschen verschiedener Nationen, Kulturen und Religionen ist ein Anliegen der Arbeit. Dazu gehören auch Ausflüge zum jüdischen Museum, um Antisemitismus zu bekämpfen und vorzubeugen. Die Einrichtung fördert die Kommunikation auch mit Sprachunterricht. Denn viele Migranten sprechen, auch nach Jahrzehnten in Deutschland, nur bruchstückhaft deutsch. „Huzur“ betreibt einen ganz besonderen „Pflege Job“, der Einsamkeit vorbeugt, fremde Kulturen respektiert und Toleranz fördert.

Kultursensible Pflegeberatung

Aber auch für Menschen mit Migrationshintergrund, die wirklich auf Pflege angewiesen sind, gibt es spezielle Hilfe. Bei kultursensibler Pflegeberatung werden meist bilinguale Pflegeberater eingesetzt, die sich barrierefrei mit den Migranten unterhalten können und die Kulturunterschiede der Länder kennen. In Berlin betreut die türkisch-stämmige Zeynep seit fast zwei Jahren ein türkisches Ehepaar. Die türkische Ehefrau hatte vor vier Jahren einen Schlaganfall und ist nun an den Rollstuhl gebunden. Bislang kümmerte sich der Ehemann, der selbst Herzprobleme hat, alleine um seine Frau. Die Pflegeberaterin hat dem Ehepaar geholfen, eine Pflegestufe zu beantragen. Auch wenn es dazu Informationsflyer auf Türkisch gibt, wären sie überfordert gewesen. Außerdem war sie als Übersetzerin dabei, als der medizinische Dienst der Krankenversicherung die Situation begutachtete. Nun erhält das Ehepaar sogar einen Mietzuschuss. Vertrauen schaffen ist das wichtigste bei Zeyneps Arbeit.

Wie der türkischen Familie geht es vielen pflegebedürftigen Familien und Angehörigen. Unterstützung im Pflegealltag ist wichtig und ein offenes Ohr und Gespräche können Kraft geben. Erst recht in der Sprache der alten Heimat.

 

Es ist gut, wenn einer da ist, der einen versteht. Das betrifft ausländische und deutsche Pflegebedürftige und deren Angehörige gleichermaßen. Einrichtungen wie „Huzur“ oder das Angebot der kultursensiblen Beratung helfen dabei, den Lebensabend in Deutschland angenehmer zu gestalten. In Zukunft wird die Anzahl alter Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland weiter zunehmen und hoffentlich auch Angebote, die ihnen helfen.

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